Montag, 9. Januar 2012

Rundschreiben Dezember 2011

Liebe Verwandte, Freunde und Interessierte der Projekte in Takoradi,
nun ist es also soweit: Seit dem 15.11 bin ich in Ghana, nicht nur besuchsweise wie bisher, sondern um hier in Takoradi mit den Menschen zu leben. Gleich zu Beginn wurde ich mit einem Problem konfrontiert, das unseren Alltag besonders jetzt in der „kleinen“ Trockenzeit bis Mitte Januar immer wieder erschwert: Wassermangel. Das Wasser muss in Kanistern von fleißigen Helfern mehr als eine halbe Stunde zu Fuß herangeschleppt werden und ist oft so gelb und schmutzig, dass man nicht viel Lust hat, damit zu putzen oder sich zu waschen. Filtern verbessert die Wasserqualität, aber man überlegt sich zweimal jeden Wasserverbrauch, jede Toilettenspülung, die erschreckend viel Wasser benötigt. Dies war besonders „angenehm“ an den drei Tagen, an denen ich wegen eines Magen-Darm-Infekt dauernd auf die Toilette sausen musste. Wegen der Hitze und dem allgegenwärtigen Staub fühlt man sich meist recht klebrig und schmutzig, und ich muss gestehen, dass ich zum waschen Wasser benutzt habe, das in 0,5 Liter Tüten als Trinkwasser verkauft wird, was sehr viel Plastikabfall bedeutet, keineswegs keimfrei ist, aber wenigstens schön sauber aussieht. Übrigens, gerade kocht eine Bekannte für mich und Besucher, die zufällig so vorbeikommen, „Stew“ aus Tomaten, verschiedenen Gewürzen, etwas Gemüse und gefrorenen Hühnchenteilen aus Europa (ohne Hühnchenbrust, die bleibt in Deutschland!) mit Banku (Brei aus Kasava und Mais) und ich bekomme die gute Nachricht, dass gerade genügend Wasser aus der Leitung kommt. Wunderbar, da werde ich meinen Brief an Euch unterbrechen und die Gelegenheit nutzen, eine gründliche Putzaktion anzuleiten und Wäsche zu waschen.




Die Waschmaschine ist, wie mein Hausrat mit Büchern, Schreibmaterial, medizinischer Ausrüstung, Nähmaschinen, 160 Fahrrädern für die Fahrradwerkstatt und meinem Golf, kurz vor meiner Ankunft gut und fast ohne Schaden per Container im Hafen von Takoradi angekommen. Vieles wie die Spiele, die Schaukel, das große Trampolin für die Kinder, die Laborausrüstung müssen aus Platzmangel vorerst verpackt bleiben. Aber wir sind bereits bei der Planung des Gesundheitszentrums. Mit dem Bau können wir allerdings erst nach Weihnachten beginnen. Alles braucht hier seine Zeit und Drängeln nützt nichts! Im Moment bin ich dankbar, dass ich ein Zimmer mit Bad nur privat zur Verfügung habe und einen zweiten Raum für Besucher und Patienten, recht provisorisch mit wenig Privatsphäre, aber mit etwas Improvisation ist viel möglich. Abends nutzen einige Frauen und ich den Raum zum Trampolinspringen. (Liebe Erlanger Trampolinfrauen, hättet ihr gedacht, dass ich jemals Trampolinunterricht gebe?)
Ich bin keine gute Lehrerin, aber wir haben viel Spaß und körperliche Bewegung. Die Kinder nutzen natürlich auch sehr gerne die kleinen Trampolins, spielen begeistert Fußball und lassen sich gerne vorlesen.
Nie hätte ich gedacht, dass das mitgebrachte Tischfußballspiel bei Kindern und Erwachsenen so großen Anklang findet. Vielen, vielen Dank für alle diese Spenden!

Patienten kommen mit akuten Krankheiten wie Durchfall, Husten, Malaria, aber auch mit chronischen Erkrankungen wie Migräne, Arthritis und Bluthochdruck (letzteres ist erstaunlicherweise noch häufiger als bei uns). Oft kann ich wenig tun wie bei einer erst 40 Jahre alten Frau, die auf Grund ihres unzureichend behandelten Diabetes an Neuropathie und Augenproblemen leidet, weil die erforderliche tägliche Insulintherapie einfach zu teuer ist oder wie bei einem älteren Mann, der sehr schlecht hört und dem mit einem Hörgerät aber höchst wahrscheinlich geholfen wäre.
Ich wohne am Rande des größten Armenviertels von Takoradi, Effiakuma, und weil die Kranken oft Bekannte sind und kein Geld haben, arbeite ich umsonst. Aber ich habe viel Hilfe im Haushalt und beim Einkaufen auf dem Markt. Letzteres ist besonders wichtig, weil ich die Preise der einzelnen Lebensmittel nicht kenne und schon allein deswegen mit den Marktfrauen nicht handeln kann, die außerdem meistens kein Englisch sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass später auch Patienten kommen werden, die bezahlen können, und ich von meiner Arbeit leben kann.


Gestern haben wir mit dem Säen von Artimisia in Töpfen begonnen, zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria. Mit Ramani, dem Krankenpfleger, dessen Ausbildung ihr finanziert habt und der vor kurzem erfolgreich seine letzte Prüfung absolviert hat, plane ich einen Kurs für Frauen über gesunde Ernährung, und seit einer Woche habe ich jeden Tag eine Unterrichtsstunde in Fanti, der Sprache, die in Takoradi von allen Stämmen gesprochen wird. Einerseits ist dies sehr interessant und eine gute Übung für meine Gesichtsmuskulatur, weil Vokale und Konsonanten oft völlig anders ausgesprochen werden, als wir es gewohnt sind, andererseits sind meine Versuche, mir einzelne Ausdrücke einzuprägen doch noch sehr frustrierend und alles kommt mir noch recht „spanisch“ vor: „Fa si mo do“ heißt z.B. „Nimm es und leg es dorthin“, „Fa wo ho ko “ bedeutet „Geh, ich will nichts mehr von dir hören“ oder „Do ho na ye“ heißt „Leg dich hin und schlaf“ und so geht es endlos weiter. Mein Lehrer, der sehr geduldig ist, versucht mich aufzumuntern: „To wo bo“, was bedeutet „Take your time“ oder „Alles braucht seine Zeit“.
Ich bin froh, dass ich nicht nur vorübergehend hier bin, sondern genügend Zeit habe, vieles erst zu beobachten und dann in Ruhe und wohl überlegt umzusetzen und bitte Euch, mir bei der Realisierung von zwei Projekten zu helfen:
1. Beim Bau des Gesundheitszentrums auf unserem Grundstück in Meernähe, damit wir ausreichend Platz haben zum Behandeln von Patienten, für einen Wartebereich und ein kleines Labor, zum Unterrichten von Laien u. medizinischen Fachkräften, für die Spiele der Kinder und für Euch, wenn Ihr uns besuchen und in Ghana Urlaub machen wollt. Wir benötigen noch ca. 30 000 €.
2. Bei einem Projekt, mit dem wir vor einigen Jahren eigentlich recht erfolgreich waren, das aber nach einem schweren Verkehrsunfall des Hauptverantwortlichen leider ziemlich eingeschlafen ist, der Vergabe von Mikrokrediten. Viele, besonders auch Frauen haben gute Ideen, wie sie mit einem kleinen Unternehmen Geld für sich und die Familie verdienen können, wie dem Verkauf von Schmuck aus Togo, von Früchten und Gemüse aus den Dörfern, Essen kochen, Wäsche waschen und Bügeln für Junggesellen und vieles mehr. Die Banken vergeben kaum Kredite, und wenn ja, zu einem Zins von 35%. Wir möchten Kleinkredite von 100 bis etwa 500 € an Frauen und Männer ohne Besitz zu einem Zins von 10% vergeben, an Kleinunternehmer, aber auch an junge Leute wie z.B. Malik, der gerne eine technische Ausbildung bei einer der ausländischen Ölgesellschaften machen möchte, die ungefähr eine Fahrstunde von Takoradi entfernt im Meer nach Öl bohren. Die Ausbildung dauert ein halbes Jahr und kostet 500 €, unbezahlbar für einen jungen Mann aus dem Armenviertel, dessen Mutter schon vor vielen Jahren einen anderen Mann geheiratet und Malik und seine zwei Schwestern beim alkoholkranken Vater zurückgelassen hat. Bei der Ölgesellschaft bekommt er nach beendeter Ausbildung 200 € pro Monat und könnte uns das Darlehen für die Ausbildung zurückbezahlen. Ich finde, ein Versuch ist lohnenswert und würde mich sehr über Eure Unterstützung freuen, natürlich auch für mein spezielles Projekt „Gesundheitszentrum“.
Die Website von unserem Verein (www.Ghana-Freunde.de, siehe „Takoradi“) ist fertiggestellt und ich hoffe, dass ich es schaffe, regelmäßig neue Fotos ins Internet zu stellen. (Fotografieren ist nicht meine Stärke!) Die Fotos sind von Takoradi-Effiakuma.

Ich wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr 2012.
Mit vielen Grüßen
Eure Anne











Spenden bitte mit Angabe von Namen und Adresse auf das Konto 100-606405 bei der
VR-Bank Erlangen EHH BLZ 763 600 33, Kontoinhaber: Ghana-Freunde e.V.
Verwendungszweck: Takoradi
Spendenquittungen werden im Januar des folgenden Kalenderjahrs ausgestellt.

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